Mülheim 1098–1914

816 Jahre Stadtgeschichte

Tabellarische Übersicht, erstellt von Peter Bach


Quellen: Pohl/Mölich, Das Rechtsrheinische Köln, 1994 und Ludger Reiberg, Soziale Lage in Mülheim, 1979 und Die Sozialtopographie Mülheims, 1981, 1982

1098 Erstmalige Erwähnung des Ortes »Mulenheym« in einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Herrmann von Köln (andere sagen 1116) besonders wegen der Mühlen am Unterlauf des Strunderbaches Bedeutung hat der Ort durch seine Lage an den Fernhandelsstraßen in Nord-Süd-Richtung (Arnheim, Wesel, Duisburg, Mülheim nach Siegen und Frankfurt, Nordost-Ost-West-Richtung (Wermelskirchen, Dortmund Münster; Kassel Halle Leipzig, die auch Köln mit dem Norden und Osten verbanden.  
1250 Herausgehobener Gerichtshof,  später Standort für das Obergericht des südlichen Teils des Gebiets der Grafen von Berg. Um diese Zeit Mülheim als Fährstelle.  
1255

Graf Adolf IV. begann mit der Errichtung von Wällen und Ringmauern. Die Einwohner erhielten das Bewaffnungsrecht.

 
Nov. 1286

Köln läßt nach einem kriegerischen Konflikt die Ringmauern niederlegen und Graf Adolf IV. muss eine verbindliche Zusicherung geben, keine Befestigungsanlagen mehr zu errichten.

 
1288 die Wirren nach der Schlacht bei Worringen nutzt Graf Adolf von Berg aus,  um eine neue Befestigungsanlage zu beginnen.  
07.03.1322 Mülheim erhält die Stadtrechte durch Graf Adolf VI. von Berg. Sie umfassen die Freiheit von Abgaben und Diensten, das Recht, Schöffen an das Bergische Obergericht zu senden und das Privileg eines eigenen Gerichts zur Klärung von einfachen Tatbeständen. In dieser Zeit wird Mülheim auch zur hervorgehobenen Münzstätte des bergischen Gebiets erhoben.  
1371 In der sog. »Bürgervereinigung« ist niedergelegt, dass Mülheim einen Bürgermeister hat und neun Geschworene, die die Verwaltung der Stadt innehaben. Der Bürgermeister wird jährlich, die Geschworenen werden auf Lebenszeit gewählt.  
1399 Im Verlauf von Streitigkeiten zwischen den Grafen von Mark und Berg wird Mülheim geplündert und niedergebrannt.  
1413 1 % der Mülheimer Bevölkerung sind wohlhabend, 25 % Tagelöhner und Arme (dagegen sind in Köln 5 % Tagelöhner und 3 %  Arme Σ 8%) Einrichtung von Häusern der Armenfürsorge: Das »Hospital“« und drei Häuser am Kohlplatz.  
1414 Adolf lässt Mülheim erneut befestigen.  
1417 beschließt das Konstanzer Konzil auf Antrag Kölns, die Befestigungsanlagen Mülheims durch die Stadt Köln zerstören zu lassen, was mehrere hundert Handwerker seit Juni in die Tat umsetzen.  
1575 Mülheim erhält das Siegel: ein Mülheimer Schiff mit einem bergischen Löwen am Ruder und einem Schiffer auf dem Vorschiff.  
1588 –1592 Erneute Errichtung von Befestigungsanlagen durch den Herzog von Berg  
1610 zügiger Ausbau Mülheims. Der Handel konzentriert sich auf die Versorgung von Köln mit Rohprodukten aus dem Bergischen und mit Nahrungsmitteln wie Fisch (wegen neuer Konservierungsmethoden auch aus der Ostsee), Getreide, Wein und Schlachtvieh. Aus dem Eichenholz der Bergischen Wälder wurden Eichenfässer hergestellt. Das Mülheimer Gewerbe konzentrierte sich auf Schiffer, Handelsleute, Fassbinder, Weber, Müller und Lohgerber.  
23.03.1612 Alle Christen aller Konfessionen wurden aufgerufen, sich in Mülheim niederzulassen. Sie erhielten: Das Bürgerrecht auf 10 Jahre, Anteil an Privilegien der Stadt, das Recht freier Religionsausübung, Zoll- und Abgabefreiheit für die zum Bau wichtigen Materialien, landesherrlichen Schutz und Vorkaufsrecht für wichtige Lebensmittel. Infolge dieser attraktiven Bevölkerungspolitik ging es mit Mülheim steil aufwärts – besonders neben diesem schwarzen Köln.  
1614 Köln bewirkt die Entscheidung des Reichskammergerichts und des Kaisers zur Einstellung der Befestigungsbauten. Als sich die Fürsten nicht fügten, bediente sich Köln spanischer Truppen aus den Niederlanden.  
Sept. 1614 Unter dem Heerführer Ambrosio Spinola werden 550 Soldaten nach Mülheim geschickt, die gemeinsam mit Hilfstruppen die Befestigungsanlagen zerstören. Aber damit nicht genug:  
13.04.1615 erwirkt die Stadt Köln den Beschluss des Kaisers über die Zerstörung der übrigen Gebäude der Stadt. Die Protestanten in Mülheim wurden als Bedrohung für die Stadt Köln hingestellt.  
30.09. – 03.10.1615

legen etwa 500 Kölner Handwerker die etwa 200 Bauten der Neustadt und große Teile  der Altstadt in Schutt und Asche. Mülheim hat den marodierenden Truppen während des 30-jährigen Krieges nun nichts entgegenzusetzen und wird mehrfach überfallen und zerstört.

 
1623 Gibt es Überlegungen im Rat von Mülheim, die Stadt als Siedlungsgebiet völlig aufzugeben.  
1652 Mülheim erhält vom Herzog Wolfgang Wilhelm das Recht, jährlich drei Märkte abzuhalten – ein Zeichen der Aufwärtsentwicklung der Stadt.  
1678 Mülheim hat ca. 1.000 Einwohner (Köln 40.000) und ca. 243 Gebäude. ca. 1.000 Einwohner
1700–
1770
Zeitalter des Merkantilismus  
1714 Der Erlass der »Beisassenordnung« durch die Stadt Köln veranlasst neun bedeutende protestantische Kaufleute von Köln nach Mülheim überzusiedeln. (Dekret des Kurfürsten Johann Wilhelm vom 18.6.1714) Darunter Christoph Andreae (Tuchhandel), Daniel Noel (Kupferhandel) und Gothard Mühling (Tuchhandel), Platzmann, Köster, Stock (Speditionen) Viebahn (Eisenhandel), H. Bröckelmann, H. C. Bröckelmann und de Haan (Holzhandel, Seifensiederei). Ihre Ankunft sprengt den ländlich dörflichen Charakter von Mülheim. Die Mülheimer Handwerksbetriebe wehren sich gegen das »Eindringen des gewerblichen Großkapitals«.  
1713 (?) Die Fabrik Mühling beschäftigt schon 400 Menschen.  
1750 Firma Steinkauler 440 Arbeiter; Firma Andreae 1200 Beschäftigte (davon 300 aus Mülheim und den Rest Heimarbeiter mit einem Webstuhl in bis zu 10 Stunden Umgebung. 1.800 Einwohner,
81 Arme
1744 Neben den alten Zünften Bäcker, Metzger (die zuweilen auch die Chirurgen waren), Zimmerern und Schmieden tauchen auch Handschuh-, Perücken- und Hutmacher, sowie Zinngießer und Zuckerbäcker auf – eine Entwicklungslinie zu einer verfeinerten Arbeitsteilung und die ersten Ladengeschäfte sind Zeichen für den Übergang des Handwerks vom reinen Lohngewerbe zur Warenherstellung auf Vorrat.  
1769 Schmähschrift gegen Andreae: Die Fabrikarbeiter würden bald angenommen und bald entlassen und schlügen sich dann mit Betrügereien durch; die nächtliche Unsicherheit nähme zu; Frauen und Kinder der verstorbenen Arbeiter fielen dem Hospital zu Last. Andreae 500 Beschäftigte,
Umsatz 28.500 Reichstaler
Feb. 1784 Die große Eisflut vernichtet mehr als ein Drittel der Mülheimer Häuser. Während die Fabrikanlagen durch Zuschüsse des Landesherrn schnell wieder hergerichtet werden konnten, war für viele Kleineigentümer und Handwerker der soziale Abstieg die Folge der Flutkatastrophe, weil sie aus eigenen Kraft keine Neubauten errichten konnten. Andreae 1.500 Beschäftigte,
Umsatz 73.500 Reichstaler.
15.06.1785 Kurfürst Karl Theodor genehmigt einen neuen Verfassungsentwurf für Mülheim nach dem ein zweiter. Bürgermeister und die Hälfte (?) der sieben Beisitzer evangelisch zu sein hatten. 1.500 Einw. (nach Reiberg 2.806)
1795 –
1801
Besetzung Mülheims durch französische Revolutionstruppen. 3.063 Einwohner, (Köln 44.500)
  Durch die Zollgrenze verliert Mülheim mit Köln sein Hauptabsatzgebiet. Schmuggel entwickelt sich zu einem attraktiven Erwerbszweig. Als Folge gehen bis 1810 die drei größten Handelshäuser und alle Tabakspinnereien Konkurs. 400 Erwachsene und Kinder werden arbeitslos.  
1800 Aufgrund einer Steuererhebung ergibt sich, dass 66 % aller Einwohner im produktiven Gewerbe beschäftigt sind, 86.5 % der Unterschicht zuzurechnen sind und 78 % des
Steueraufkommens von 3,1 % der Einwohner aufgebracht wird (Allein Andreae und Steinkauler bringen ein Drittel der Gewerbesteuer). Die Zahl der Textilbetriebe hat sich von
13 im Jahre 1750 auf vier im Jahr 1800 verringert. Bis auf die große Manufaktur von Andreae befanden sich alle Betriebe an der Freiheit. Neu hinzu kommen zwei lederverarbeitende
Betriebe, Tabaksspinnereien (?) und Brandweinbrennereien. Daneben bestanden weiter die zünftisch organisierten Handwerksbetriebe der Bäcker, Metzger (die zuweilen auch die Chirurgen waren), Zimmerer und Schmiede.
2.800 Einw. (nach Reiberg 2.985),
40 Arme (Mülheim
 2 %, Köln > 20 %!)
Die Mülheimer haben die Armen über die bergische Landesgrenze
abgeschoben,
wenn es dem Grafen von Berg zuviel wurden
Andreae 2.000 Beschäftigte
Umsatz 98.000 Reichstaler.
1806 Mülheim gehört zum Großherzogtum Berg, das einem Schwager Napoleons übergeben worden war. Nach Reiberg 3.028 Einwohner
1808 Die französische Mairieverfassung wird in Mülheim eingeführt (5.11.1808 Besuch Napoleons in Mülheim)  
Nov. 1813 Einmarsch russischer Truppen in der Stadt.  
1814 Anerkennung Mülheims als selbständige Stadt durch Preußen  
April
1815
Aufgrund einer Entscheidung des Wiener Kongresses fällt Mülheim an Preußen. 3.593 Einwohner
  Im Unterschied zu den Festungsstädten Köln und Deutz konnte Mülheim sich räumlich schnell ausdehnen und bot genügend Ansiedlungsmöglichkeiten für neue Industrien (z. B. die Drahtseilfabrik Felten & Guilleaume)  
1850 Mülheim hat 6.000 Einwohner (Köln 100.000) Die Zahl der Wirtschaften stieg von 1819 – 1850 um 300 % 6.000 Einwohner
1839 – 1845 Bau der Köln-Aachener und der Deutz-Minden-Berliner Eisenbahn  
1853

Betriebsgröße: >           500 1  Textilbetrieb       970 Beschäftigte
                                   200–300 2  Textilbetriebe      474 Beschäftigte
                                   100–199 2  Textilbetriebe      264 Beschäftigte
                                      50–100 1  Tabakfabrik            65 Beschäftigte
                                       10– 20 6  Tabakfabriken       53 Beschäftigte
                                                       1  Färberei
                                         5–10 32  Betriebe                    84 Beschäftigte

2.661 Beschäftigte;
1.852 im Sekundären Sektor
(Verarbeitung);
44 % Fabrikarbeiter;
31 % Tagelöhner + Gehilfen; 22 % Kleinbürger (Handwerker,
Kleinhändler, öffentl. Angest.);
1,6 % Beamte, Kaufleute, Fabrikanten
1856 – 1874

Anlage dreier weiterer Eisenbahnlinien (Σ 5). Parallel dazu die erste Phase der Industrialisierung – vornehmlich kleiner, rasch expandierender Betriebe der chemischen Industrie (Bergmann & Simons, Lindgens & Söhne, 1875 Dr. Koll & Spitz, Rasquin und die metallverarbeitenden Betriebe Zypen & Charlier sowie die Gasmotorenfabrik Deutz).

 
1870

Die soziale Situation ist gekennzeichnet durch Kinderarbeit der 6 bis 12-jährigen und ein normaler Erwachsenenarbeitstag von 15 bis  16 Stunden an sechs Tagen der Woche.

 
1874

Ansiedlung von F & G; wächst in 25 Jahren um 3.000 %. Als Folge
lassen sich bis 1900 zahlreiche  Industriebetriebe im Mülheimer Norden nieder, so dass dort in nur 25 Jahren
auf rund 50 ha ein geschlossenes Industriegebiet entstand.

1875
160 Beschäftigte,
1900
4.800 Beschäftigte
1900

Mülheim hat 45.000 Einwohner (Köln 372.000)

45.000 Einwohner
1.302 Arme (~ 3 %), 2.581 Wohnhäuser
01.04.1914

Eingemeindung von Mülheim nach Köln: Aufgabe der Selbständigkeit für eine Brücke, eine Straßenbahn, zwei Schulen und den Ausbau Kanalisation und der Eisenbahn (zur Entlastung: Mehrheim und Kalk waren schon übergelaufen)

56.000 Einw.

Kölner Vergleichsdaten:

Jahr Einwohnerzahlen Köln  Stadtgebiet Vgl. Mülheim
 50 – 350 ca. 50.000 97 ha  
1200 ca. 20.000 400 ha  
1450 ca. 40.000    
1500 ca. 45.000    
1600 ca. 40.000    
1700 ca. 40.000  770 ha 1.000 Einw.
1794  44.500   3.063 Einw.
1816 49.300    
1820 55.000    
1840 75.900    
1852 101.100   6.000 Einw.
1861  120.000    
1880 144.800 ab 1883 1.006 ha  
1890 281.700 ab 1888 11.133 ha  
1900 372.500    45.000 Einw.
1910 516.000 ab 1914 19.726 ha  
1925  700.000 ab 1922 25.113 ha  
1939 772.000    
1946 491.000    
1960 773.000    
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